Projekt

Gedenkstättenfahrt des 9. Jahrgangs nach Frankreich

Geschichte erleben, Erinnerungen verstehen und gemeinsam nachdenken: Bei der Gedenkstättenfahrt nach Niederbronn-les-Bains und Straßburg setzen sich Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs mit Krieg, NS-Diktatur, Widerstand und Verfolgung auseinander. Sie besuchen wichtige Erinnerungsorte wie den Soldatenfriedhof, die Maginot-Linie und das ehemalige Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Zum Abschluss geht es nach Straßburg und ins Europäische Parlament – von der Geschichte des Krieges hin zu einem Europa, das heute für Frieden und Zusammenarbeit steht.

Erinnern, verstehen, Verantwortung übernehmen

Geschichte dort erleben, wo sie stattgefunden hat: Unter diesem Leitgedanken können sich interessierte Schülerinnen und Schüler des 9. Jahrgangs unserer Schule kurz vor den Osterferien auf den Weg ins französische Niederbronn-les-Bains im Elsass machen. Bei dieser einwöchigen Fahrt soll es weniger darum gehen, historische Fakten zu pauken, als darum, sich mit persönlichen Schicksalen auseinandersetzen, Orte der Erinnerung zu besuchen und der Frage nachzugehen, welche Bedeutung die Vergangenheit für unser Leben in einer Demokratie heute hat.

Die Fahrt steht in einem engen Bezug zu dem Namensgeber unserer Schule: Paulus van Husen widersetzte sich während der Zeit des Nationalsozialismus der Diktatur und gehörte zum Widerstand gegen das NS-Regime.

Wenn hinter historischen Zahlen Menschen sichtbar werden

Die Unterkunft in Niederbronn-les-Bains befindet sich unmittelbar neben einem deutschen Soldatenfriedhof. Tausende deutsche Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs ums Leben kamen, fanden dort ihre letzte Ruhestätte.

Schon der erste Gang über das weitläufige Gräberfeld mit einem Meer an Grabkreuzen hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Besonders bewegend stellt sich die Erkenntnis dar, wie jung zahlreiche Soldaten zum Zeitpunkt ihres Todes waren – viele nur wenige Jahre älter als die Schülerinnen und Schüler selbst. Im Gedächtnis bleibt vielen das Grab, in dem Zwillingsbrüder ruhen: Sie waren am selben Tag geboren worden und starben auch am selben Tag. Ein einzelnes Grab erzählt so auf erschütternde Weise von den Folgen eines Krieges für Menschen und Familien.

Diese persönlichen Schicksale stehen auch bei der weiteren Arbeit in der Jugendbegegnungsstätte im Mittelpunkt: In ihrem umfangreichen Archiv werden unter anderem Briefe gefallener Soldaten und Erinnerungsstücke ihrer Angehörigen aufbewahrt. In einem Workshop kann sich intensiv mit ausgewählten Biografien auseinandergesetzt und versucht werden, sich den Menschen hinter den historischen Ereignissen anzunähern. Hinter den Jahreszahlen auf den Grabsteinen des Soldatenfriedhofs werden auf diese Weise einzelne Lebensgeschichten sichtbar.

Eine weitere Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit letzten Briefen von Widerstandskämpfern, die kurz vor ihrer Hinrichtung entstanden. Eine andere Gruppe untersucht Gästebücher des Soldatenfriedhofs. Darin finden sich ganz unterschiedliche Gedanken und Reaktionen von Besucherinnen und Besuchern aus vielen Ländern, die reichlich Anlass zum Nachdenken und Diskutieren bieten.

Tief unter der Erde: in den Gängen der Maginot-Linie

Eine weitere Station dieser Fahrt führt zur Festungsanlage Four à Chaux, einem Teil der französischen Maginot-Linie. Tief unter der Erde bewegen sich die Besucher durch Gänge und Räume der gewaltigen Verteidigungsanlage. Dort lässt sich erahnen, unter welchen Bedingungen sich Soldaten einst über längere Zeit in den unterirdischen Anlagen aufhielten. Dieser Besuch zeigt eine weitere Seite des Krieges: gewaltige technische und militärische Anstrengungen, die unternommen wurden, um sich auf einen Krieg vorzubereiten und Grenzen zu verteidigen.

Ein Ort, der sprachlos macht

Der wohl bedrückendste Programmpunkt der Fahrt ist der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof. Hier wurden politische Gefangene, Widerstandskämpfer und weitere Verfolgte unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten, zur Arbeit im Steinbruch gezwungen, gedemütigt, misshandelt und getötet. Die erhaltenen Spuren des Lagers machen das kaum Vorstellbare sichtbar. Der Galgen, der Raum für medizinische Experimente und das Krematorium führen die Brutalität der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft unmittelbar vor Augen – ein Besuch, der nachdenklich macht und bei vielen noch lange nachwirkt.

Von der Vergangenheit in die europäische Gegenwart

Nach diesen bewegenden Eindrücken führt die letzte Exkursion der Fahrt nach Straßburg. Nachdem zuvor die Beschäftigung mit Krieg, Diktatur, Verfolgung und Widerstand im Mittelpunkt stand, geht es nun um das friedliche Europa, das nach dem Ende des Krieges entstanden ist.

Beim Besuch des Europäischen Parlaments begegnen die Schülerinnen und Schüler einem Ort, der wie kaum ein anderer für die Zusammenarbeit der europäischen Staaten steht. Anschließend lernen sie während einer kurzweiligen Stadtführung die abwechslungsreiche Geschichte und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Straßburgs kennen. Zum Abschluss gibt es einen ganzen Nachmittag Freizeit, um diese wunderschöne Stadt in kleinen Gruppen selbst zu erkunden.

Gerade dieser letzte Tag bildet einen passenden Gegenpol zu den zuvor besuchten Erinnerungsorten. Die Reise zeigt eindrücklich, in welche Abgründe Krieg, Diktatur und Nationalismus Europa geführt haben. In Straßburg wird zugleich sichtbar, was aus den Erfahrungen der Vergangenheit entstanden ist: Zusammenarbeit und Verständigung über Grenzen hinweg. Dass aus ehemaligen Kriegsgegnern enge Partner geworden sind, ist eine der großen Errungenschaften der europäischen Nachkriegsgeschichte – ein hoffnungsvolles Ende der Gedenkstättenfahrt.

Die Gedenkstättenfahrt macht Geschichte auf eine Weise erfahrbar, die im normalen Unterricht kaum möglich ist. Vor allem führt sie die Erkenntnis vor Augen, die auch zum Vermächtnis unseres Namensgebers Paulus van Husen gehört: Demokratie, Frieden und Freiheit sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie zu bewahren, ist Aufgabe jeder Generation. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist hierbei ein wichtiger Baustein.

Eindrücke zur Gedenkstättenfahrt des 9. Jahrgangs